Schutz vor Ausbeutung bei Leiharbeit
Liebe Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeiter, liebe Migrantinnen und Migranten in der Schweiz,
Die Schweiz ist bekannt für ihre hohen Arbeitsstandards und fairen Bedingungen. Doch gerade im Bereich der Leiharbeit, wo Flexibilität und schnelle Einsätze oft im Vordergrund stehen, können sich Risiken verbergen. Vielleicht fühlen Sie sich unsicher, was Ihre Rechte angeht, oder haben das Gefühl, dass etwas nicht ganz stimmt. Es ist eine berechtigte Sorge, denn der Schutz vor Ausbeutung bei Leiharbeit ist ein Thema, das alle betrifft und sehr ernst genommen werden muss. Egal, ob Sie schon lange hier arbeiten oder erst vor Kurzem in die Schweiz gekommen sind – Ihre Rechte sind stark, und es ist entscheidend, dass Sie diese kennen und durchsetzen können. Niemand sollte benachteiligt werden, nur weil er oder sie in einem flexiblen Arbeitsverhältnis steht oder aus einem anderen Land stammt. Dieser Artikel soll Ihnen Klarheit verschaffen, praktische Tipps geben und Ihnen zeigen, dass Sie mit Ihren Fragen und Bedenken nicht allein sind.
Ihre Rechte als Leiharbeiterin oder Leiharbeiter in der Schweiz
Als Leiharbeiterin oder Leiharbeiter in der Schweiz geniessen Sie umfassende Rechte. Diese sind gesetzlich verankert und werden oft durch Gesamtarbeitsverträge (GAV) weiter gestärkt. Es ist wichtig, diese grundlegenden Pfeiler zu kennen.
Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) – Ihr wichtigster Schutzschild
Im Bereich des Personalverleihs gibt es in der Schweiz einen spezifischen Gesamtarbeitsvertrag, den sogenannten GAV Personalverleih. Dieser Vertrag regelt die Mindestarbeitsbedingungen für die meisten Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer. Das bedeutet für Sie:
- Mindestlöhne: Der GAV Personalverleih legt verbindliche Mindestlöhne fest, die nicht unterschritten werden dürfen. Ihr Lohn muss transparent sein und alle gesetzlichen und vertraglichen Abzüge ausweisen.
- Arbeitszeiten und Überstunden: Es gibt klare Regeln für die maximale Arbeitszeit pro Woche und wie Überstunden zu entschädigen sind (oft mit einem Zuschlag oder durch Freizeitausgleich).
- Ferienanspruch: Auch als Leiharbeiter haben Sie Anspruch auf bezahlte Ferien. Der Ferienlohn wird Ihnen in der Regel monatlich mit dem Lohn ausbezahlt (meist als prozentualer Zuschlag auf den Grundlohn).
- Sozialleistungen: Sie sind über die Personalverleihfirma für Unfall, Krankheit und Arbeitslosigkeit versichert. Die Beiträge zur Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), Invalidenversicherung (IV) und Erwerbsersatzordnung (EO) werden direkt vom Lohn abgezogen und abgeführt. Auch die Pensionskasse (BVG) ist ein wichtiger Bestandteil Ihrer Vorsorge.
- Kündigungsfristen: Der GAV regelt auch die Kündigungsfristen, die eingehalten werden müssen, um Sie vor plötzlichen Entlassungen zu schützen.
Fragen Sie aktiv nach, welcher GAV für Sie gilt und wo Sie ihn einsehen können!
Gleichbehandlungsgrundsatz: Keine Diskriminierung!
Ein zentraler Pfeiler des Schweizer Arbeitsrechts ist der Grundsatz der Gleichbehandlung. Das bedeutet, dass Sie als Leiharbeiterin oder Leiharbeiter im Einsatzbetrieb grundsätzlich nicht schlechter behandelt werden dürfen als die Festangestellten, die dieselbe Arbeit verrichten. Dies gilt insbesondere für:
- Entlohnung: Sie sollten für gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten wie die festangestellten Kolleginnen und Kollegen.
- Arbeitsbedingungen: Dazu gehören Arbeitszeiten, Pausen, Zugang zu Sozialräumen und andere Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz.
Diskriminierung aufgrund Ihrer Herkunft, Geschlechts, Alters oder anderer persönlicher Merkmale ist in der Schweiz generell verboten.
Kündigung und Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Unfall
Im Falle einer Kündigung haben Sie Anspruch auf die Einhaltung der gesetzlichen oder vertraglich vereinbarten Kündigungsfristen. Werden Sie während einer Krankheit oder nach einem Unfall arbeitsunfähig, haben Sie unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf Lohnfortzahlung. Melden Sie solche Ereignisse immer sofort Ihrer Personalverleihfirma und reichen Sie ein ärztliches Zeugnis ein.
Typische Fallen und wie Sie sich schützen können
Wissen ist Macht. Wenn Sie die häufigsten Stolpersteine kennen, können Sie sich besser davor schützen, in eine ausbeuterische Situation zu geraten.
Der Arbeitsvertrag – Alles genau prüfen
Bevor Sie einen Vertrag unterschreiben, nehmen Sie sich Zeit. Lesen Sie das Dokument sorgfältig durch und stellen Sie Fragen, wenn etwas unklar ist. Ein seriöses Personalverleihunternehmen wird Ihnen gerne alle Details erklären. Achten Sie auf folgende Punkte:
- Lohn: Ist der vereinbarte Lohn klar beziffert und stimmt er mit den Mindestlöhnen des GAV überein?
- Arbeitszeiten: Sind die täglichen und wöchentlichen Arbeitszeiten sowie Pausenregelungen klar definiert?
- Aufgabenbeschreibung: Sind Ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten eindeutig beschrieben?
- Einsatzort und -dauer: Wo werden Sie arbeiten und wie lange ist der Einsatz geplant?
- Kündigungsfristen: Sind die Fristen für eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses klar festgehalten?
Unterschreiben Sie niemals einen Vertrag, den Sie nicht verstehen. Holen Sie sich im Zweifel Unterstützung.
Schwarzarbeit und unseriöse Angebote erkennen
Seien Sie extrem vorsichtig bei Angeboten, die „zu gut, um wahr zu sein“ klingen, oder bei Firmen, die Ihnen einen Vertrag ohne viel Aufhebens anbieten, vielleicht sogar mit Bargeldzahlungen. Dies sind deutliche Warnsignale für Schwarzarbeit oder unseriöse Praktiken, die Sie in ernsthafte Schwierigkeiten bringen können, da Ihnen dann grundlegende Rechte und Versicherungen fehlen.
Überstunden und Arbeitszeiten dokumentieren
Führen Sie selbst eine genaue Aufzeichnung Ihrer Arbeitszeiten, Pausen und geleisteten Überstunden. Notieren Sie Datum, Start- und Endzeit sowie eine kurze Beschreibung der Tätigkeit. Diese Dokumentation kann im Falle von Streitigkeiten von unschätzbarem Wert sein.
Krankheits- und Unfalltage richtig melden
Sollten Sie krank werden oder einen Unfall haben, melden Sie dies umgehend Ihrer Personalverleihfirma. Suchen Sie einen Arzt auf und lassen Sie sich ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausstellen. Bewahren Sie alle Unterlagen sorgfältig auf.
Wo Sie Hilfe finden und was Sie tun können
Sie sind nicht allein. In der Schweiz gibt es verschiedene Anlaufstellen, die Ihnen bei Problemen im Arbeitsrecht zur Seite stehen.
Die Rolle der Gewerkschaften und Beratungsstellen
Gewerkschaften wie Unia oder Syna setzen sich aktiv für die Rechte der Arbeitnehmenden ein und bieten ihren Mitgliedern kostenlose Rechtsberatung an. Auch wenn Sie kein Mitglied sind, können diese Organisationen oft erste Informationen und Orientierungshilfen bieten. Es gibt auch spezialisierte Beratungsstellen für Migrantinnen und Migranten, die oft mehrsprachige Unterstützung anbieten und mit den Besonderheiten der Arbeitswelt vertraut sind.
Diese Stellen können Ihnen helfen, Ihre Verträge zu prüfen, Ihre Rechte zu verstehen und bei Bedarf das Gespräch mit Ihrem Arbeitgeber zu suchen. Zögern Sie nicht, Kontakt aufzunehmen – ein erstes Gespräch ist oft der wichtigste Schritt.
Wann ein Anwalt helfen kann
In komplexeren Fällen oder wenn sich ein Konflikt mit Ihrem Arbeitgeber nicht durch Gespräche oder die Unterstützung von Gewerkschaften lösen lässt, kann es sinnvoll sein, die Hilfe einer auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei in Anspruch zu nehmen. Ein Anwalt oder eine Anwältin kann Ihre Situation detailliert prüfen, Sie über Ihre rechtlichen Möglichkeiten aufklären und Sie gegebenenfalls vor Gericht vertreten.
Der Schutz vor Ausbeutung bei Leiharbeit ist ein Recht, das Ihnen zusteht. Informieren Sie sich, seien Sie aufmerksam und scheuen Sie sich nicht, Unterstützung zu suchen, wenn Sie diese brauchen. Ihre Würde und Ihre Arbeitsrechte sind unantastbar.
Holen Sie Beratung bei arbeitsrechtlichen Konflikten ein. Es ist Ihr gutes Recht.
Nützliche Informationen
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